Norbert Lehmann, Deutschlands vielleicht bekanntester Tonmeister und High-End-Hersteller, möchte Platten beruhigen. Wollen die denn beruhigt werden? Wir schauen uns das an.
Plattengewicht Lehmann Audio Floatweight 400
Ein- und Ausschwingen
Bei der Schallplattenabtastung passiert so Einiges. Hier ist jetzt nicht der Platz, um das Thema ausführlich zu eruieren, darüber gibt es ganze Studienarbeiten. Nur so viel: beim minimalen Kontakt der sehr harten Nadel eines Tonabnehmers – im Idealfall handelt es sich um einen ganzen, echten Diamanten – mit dem recht weichen Vinyl in der Rille entstehen enorme Kräfte. Das sind Kontaktkräfte, Beschleunigungs- und Fliehkräfte, die mit denen in der Formel 1 locker konkurrieren können. Alle Schwingungen und Resonanzen, die daraus resultieren, sollten die Musiksignale, die ja pur von der Nadel abgetastet werden sollen, nicht überlagern oder stören. Man könnte auch sagen, dass der Abtastvorgang beruhigt werden soll, aber das mag spitzfindig sein. Norbert Lehmann setzt hier an, weil er zugrunde legt, dass die Hersteller eines Plattenspielers ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sprich, Lager, Motor und Antrieb, sowie Teller und Tonarm, sind im Idealfall keine Störenfriede mehr. Und falls nicht, ist sein Plattengewicht am Ende vielleicht noch wichtiger.
Gewichtsklasse Das Lehmann Audio Plattengewicht sieht massiver aus, als es ist, denn einmal in die Hand genommen, fühlt es sich nicht schwer sondern ideal austariert an.
Hier sieht man gut, dass die Korkscheibe über den Rand des Gewichts hinaus ragt: Entkopplung, die Zweite Durch seine Größe und die Rundungen, die sicher auch akustische Gründe haben, und sein so stimmiges Gesamtgewicht, ermöglicht es mir ein ideales Handling. Plattengewichte gibt es einige auf dem Markt. Die meisten sind zu schwer, manche muss man schrauben oder gar klemmen. Lehmann hat das alles bedacht und eine aus meiner Sicht perfekte Lösung gefunden. Dafür verwendet er die aktuellsten Gewebescheiben vom Erfinder der String Suspension Technik, Manfred Diestertich. Diestertich, der heutige Chefentwickler von Audio Physik, hatte neben seinen Anstellungen immer ein Ingenieurbüro und dort unter anderem Entkopplungsprodukte unter dem Label SSC (String Suspension Concept) entwickelt. Die Firma ist inzwischen einen anderen Weg gegangen, aber Diestertich hat seine Erfindung weiter entwickelt. Mit Hilfe der Zusatzmaterialien Kork und Kunststoff-Schwerfolie baut Norbert Lehmann nun dessen neueste Gewebescheibenversion zum 3S System aus. Dieses 3S/ Triple S = S(tring) S(uspension) S(ystem) besteht konkret aus drei verschiedenen Materialien, die im Kern das Plattengewicht ausmachen: Gewebescheiben, Kunststoffschwerfolie und Kork. Zwei Triple S-Gewebescheiben werden für das Gewicht „kaskadiert“, also hintereinander gebaut und sorgfältig verklebt. Darunter kommt eine Wabenscheibe und dann Kork. Zusätzlich findet auch noch Kunststoffschwerfolie im Zylinder Platz, sodass am Ende insgesamt sieben Layer an Material verbaut sind. Dabei handelt es sich sowohl um absorbierende Schichten wie die Gewebescheiben, Kork, Wabenkunststoff und Kunststoffschwerfolie, als auch konstruktiv notwendige Layer zum Kaskadieren und Fixieren der Gewebescheiben. Die Gewebescheiben sind übrigens so aufgebaut: um einen Kunststoffkern mit drei konzentrisch angelegten Zonen wird oben und unten wie bei einem Trampolin ein Gewebe gespannt, wodurch Schwingungen in Wärme umgewandelt werden können. Ich sprach von Studienarbeiten. Für eine Bachelorarbeit am Institut für Akustik & Schwingungstechnik in Düsseldorf wurden unter anderem Lehmanns Gerätefüße, die mit derselben 3STechnologie arbeiten, untersucht. Man ermittelte eine Impulsabsorption von mehr als 90 %. Sauber, würde ich sagen.
Praxis und Klang Die Anwendung des Lehmann Audio Plattengewichts geschieht in zwei Schritten: Aufsetzen auf das Label und Zentrieren mit dem Zentrierstift. Das geht einfach und schnell und hat natürlich seine Gründe. Das Mittelloch des Plattengewichts ist größer als sämtliche Spindeln und würde ohne den Zentrierstift herumeiern. Zentriert man es, sitzt es perfekt mittig, berührt aber die Lagerspindel nicht und kann sie so auch nicht belasten oder damit resonieren. So kann das Gewicht ideal seiner Arbeit nachgehen. Es ist im Übrigen auch auf der Unterseite durch die Korkscheibe entkoppelt, sprich, nur der Kork liegt auf dem Label auf. Eine höhere Auflagekraft des Tonabnehmers erhöht laut Lehmann seine Wirkung noch. Und hört man das? Die Frage kann ich mit einem schnellen und enthusiastischen „Ja“ beantworten. Jedwede Musik, die ich über Tage damit gehört habe, klang aufgeräumter, konturierter, einfach stressfrei ohne überflüssige, parasitäre Schwingungen. Ich will das einmal an einem meiner Lieblingsalben von Bob Dylan erläutern – Slow Train Coming. „Slow Train“ erinnert mich immer an „Once upon a time in the West“ von Dire Straits genialem zweiten Album Communiqué, und das ist auch kein Wunder, denn Mark Knopfler spielt auch auf Dylans Album Gitarre. Und an der lässt sich die Wirkung des Lehmann´schen Floatweight 400 perfekt nachvollziehen. Ohne klingt die für Knopfler damals so typische Fender Stratocaster leicht verwaschen und geht im Gesamtklang eher unter. Mit dem Plattengewicht bekommt sie eine Art Spotlight, bleibt aber in den Gesamtzusammenhang integriert. Die für eine Stratocaster so typischen Glockentöne steigen wie Perlen auf, schwingen herrlich ein und aus und garnieren mit ihrem Glanz das Stück so, dass ein wirklicher Genuss daraus wird. Genau so muss das klingen.