Jawohl, es ist ein auf den ersten Blick recht konventionell wirkender EL34-Gegentakt-Vollverstärker. Wer sich deshalb leicht gelangweilt an dieser Stelle verabschiedet, der macht einen schweren Fehler.
Vollverstärker Canor TP101 A30
Zugegeben – ich wollt’s auch nicht so recht wahr haben. Als der slowakische Elektronikspezialist Canor anlässlich des hauseigenen 30-jährigen Firmenjubiläums eine Neuinterpretation des ersten Produktes der Firma ankündigte, war ich nur mäßig nervös. EL34-Vollverstärker habe ich über die Jahre in Mengen kommen und gehen sehen, und fast alle davon waren „okay“ bis „nett“, die wenigsten aber haben mich so richtig aus dem Hörsessel gerissen. Gewiss, es gibt da das eine oder andere Modell von Air Tight oder Manley, das durchaus angetreten ist, ein wenig Staub vom Kolben der allgegenwärtigen Beam- Power-Röhre zu blasen. Im Großen und ganzen jedoch glaubte ich das Thema EL34 für mich als erledigt. Bis ein erster Prototyp des Canor-Jubiläumsverstärkers im Karl- Heinz-Finkschen Hörraum in Essen auftauchte und ehern geglaubte Klischees von gepflegter Langeweile mit einer Vehemenz aus den heiligen Hallen schubste, dass es eine wahre Pracht war. Sowas wollte ich – unbedingt. Da der Schritt von einem Prototypen zu einem serienreifen Gerät jedoch nicht immer ganz einfach sein muss, haben sich die Dinge jedoch noch ein Jahr hingezogen. Jetzt allerdings ist er da, höchstselbst von Importeur Martin Klaassen aus Prešov abgeholt und ohne Umwege in Duisburg abgeladen.
Der TP101 A30 ist mit einem unverbindlichen Verkaufspreis von rund 9.500 Euro nicht eben ein Schnäppchen.
Die Ruheströme der Endröhren werden auf der Geräteunterseite eingestellt Er rechtfertigt sein stattliches Preisschild in erster Line mit dem möglichen klanglichen Ergebnis, aber auch mit hochwertiger Technik, die oft erst auf den zweiten Blick auffällig wird. Das beginnt bei der serienmäßigen Abdeckung aus dicken, echten Glasplatten, die Kinder und Haustiere zuverlässig von den heißen Glaskolben fernhalten. Unter dem Käfig steht genügend Luftvolumen zur Verfügung, so dass man sich keinerlei Sorgen zum Thema Überhitzung machen muss. Bei den meisten Röhrenverstärkern werden Blechabdeckungen als legal erforderliches Alibi beigepackt mit der Überzeugung, dass die Dinger eh kaum jemand benutzt. Beim Jubi-Canor ist das anders: Der Glas-Sarkopharg ist ein gelungenes gestalterisches Element, dass dem Gerät exzellent zu Gesicht steht.
Beim Verstärkergehäuse selbst stehen Holz und Edelstahl im Vordergrund. Die Rahmenkonstruktion gibt’s entwerder mit hellen oder dunklen Massivholzteilen, Canor traut sich hier eine recht auffällige Maserung anzubieten. Sehr hübsch finde ich auch die Massivholz-Drehknöpfe aus dazu passendem Material. Man kann fünf Hochpegelquellen unsymmetrisch anschließen. Eine Phono- oder Digi-taloption ist nicht vorgesehen. Umgeschaltet wird nach alter Väter Sitte mit einem Drehknopf auf der Front, die beiliegende – stilistisch perfekt passende – Fernbedienung kann nur Lautstärke. Es gibt einen Tape-Ausgang, aber keine echte Tape-Schleife – immerhin. Wert legt der Hersteller auf den hochwertigen (schaltbaren) Kopfhörerausgang, bei dessen Benutzung die Lautsprecherausgänge stillgelegt werden können. Das wär’s denn auch mit den Bedienelementen und wir können uns der Rückseite zuwenden.
Lautsprecheranschlüsse gibt’s für Acht- und Vier-Ohm- Lasten und so leid es mir tut, aber die chinesischen Billigst- Messing-Polklemmen haben an einem Gerät mit diesem Anspruch absolut nichts verloren. Die Chinchbuchsen sind wenigstens ein bisschen besser, bei einer Zehn-Mille- Maschine hätte ich mir jedoch ebenfalls etwas Besseres gewünscht, gerne direkt mit der Rückwand verschraubt. Bleibt noch der obligatorische Kaltgeräte-Netzanschluss und wir können uns den spannenderen Bestandteilen des Gerätes widmen.
Alle Röhren des TP101 A30 – es sind derer acht – stammen von JJ und werden für ihren Einsatz in diesem Gerät penibel selektiert. Unter diesen Voraussetzungen sind die vier EL34 in der Ausgangsstufe und die vier ECC81 im Eingagstrakt also nur auf den ersten Blick Stangenware, die Selektion macht den Unterschied. Wir erinnern uns: Das allererste Canor-Produkt war ein Röhrenprüfgerät – hier schließt sich der Kreis. Alle Röhren stecken in bewährter Manier zweireihig nebeneinander ihre Glaskolben ragen durchs perfekt polierte Edelstahl-Chassisblech. Im rückwärtigen Edelstahlabteil stecken die Induktivitäten des Gerätes in Gestalt eines Netztrafos und zweier Ausgangsübertrager. Und hier, soviel darf ich schon verraten, steckt eines der Geheimnisse des TP101 A30: Die Ausgangstrafos sind von erlesener Qualität und brauchen sich auch vor den großen japanischen Namen des Genres nicht verstecken. Als Kernmaterial kommt MU-Metall zum Einsatz (international „Permalloy“ genannt), was bei Trafos dieser Leistungsklasse absolut unüblich und ziemlich teuer ist. Messtechnisch jedenfalls zahlt sich die Investition aus: Der TP101 A30 zählt im Labor zu den besten Röhrenverstärkern, die wir je zu Gast hatten. Man sieht’s schon am Frequenzgang: Erstens beeindruckend linear, zweitens perfekt kanalgleich und mit einer oberen Qualität von fast 70 Kilohertz gesegnet – das soll erstmal jemand nachmachen. Ein weiteres Indiz für Qiuualität: Der Verstärker benimmt sich an Acht- und Vier-Ohm-Lasten komplett identisch, auch das gibt’s sehr selten. Auf der Geräteunterseite begrüßt uns zunächst das zum Einstellen der Ruheströme erforderliche Instrumentarium: Für jede der EL34 gibt’s ein Bias-Poti und zwei Buchsen zum Anschluss eines Messgerätes, mit dem die Röhren auf gleiche Betriebsbedingungen abgeglichen werden müssen. Die Anordnung dieser Dinge auf der Geräteunterseite ist nicht eben praktisch, wir müssen uns hier vergegenwärtigen, dass das Gerät an ein 30 Jahre altes Original angelehnt ist. Sinnvoll zu erledigen ist die Einstellung meiner Meinung nach nur, wenn man den Verstärker auf zwei hoch bauende Stützen stellt, die den problemlosen Zugriff auf die Einstellmimik erlauben.
Unter dem Bodenblech kommt dann die mittlerweile von Canor gewohnte technische Konsequenz zum Vorschein. Eine großformatige und üppig bestückte Platine bestimmt das Bild, es finden sich eine Vielzahl elektronischer Stabilisierungen für die diversen Betriebsspannungen. Als Koppelkondensatoren kommt die Topliga aus dem Mundorf-Programm zum Einsatz, die wenigen frei verdrahteten Signalleitungen wurden mit versilbertem Kupferleitern realisiert. Das Einstellen der Lautstärke übernimmt eines der unverwüstlichen Alps- Motorpotis.
Was bleibt? Musik hören. Ich habe den Canor sowohl mit einer großen alten JBL (L300) als auch mit einer kleinen alten JBL (4301B) betrieben. An beiden Lautsprechern macht er eine sensationell gute Figur. Dass Gerät ist klanglich weit weg von jeder Profanität, die ich eigentlich befürchtet hatte. Der Canor spielt voluminös, aber trotzdem extrem behende und leichtfüßig. Zum Beweis dessen trug ein wunderschöner alter Smashing Pumpkins-Klassiker bei: Das 1998er Album „Adore“ halte ich für mit das Beste, was Billy Corgan und Truppe je veröffentlicht haben. Bereits der Einstieg „To Sheila“ zeigt auf, wo die Reise langgeht: Corgans Stimme steht völlig frei im Raum; groß, präsent und weit vorne, mit geradezu beängstigender Präsenz. Die sparsame Instrumentierung ist wunderbar aufgeräumt um das Organ des Chefs verteilt – so muss das klingen. Dass der Canor hervorragend mit den 15“-Bässen der L300 klarkommt, beweist das nachfolgende „Ava Adore“ mit Nachdruck: Die elektronische erzeugten Schlagzeugparts stehen wie angenagelt und knüppeltrocken im Raum. Ganz erstaunlich für ein Pärchen EL34 pro Kanal. Rickie Lee Jones demonstriert auf „It’s like this“ ebenfalls eindrücklich, dass sich eine Gesangsstimme perfekt vom Rest des Universums lösen kann und als Zentrum einer atmosphärisch enorm dichten, ausladenden Wiedergabe fungieren kann – großartig.
Messtechnik-Kommentar:
Auch messtechnisch zählt der TP101 A30 zu den besten Röhrenverstärkern, die wir je in den Händen hatten. Der schnurgerade und perfekt kanalgleiche Frequenzgang reicht bis rund 70 Kilohertz, die Ausgangsübertrager verabschieden sich am oberen Ende des Übertragungsbereiches perfekt friedlich – so macht man sowas. Das Gerät misst sich an acht und vier Ohm praktisch identisch; der Fremdspannungsabstand bei einem Watt beträgte beeindruckende 90 Dezibel(A), die Kanaltrennung 86,3 Dezibel(A), der Klirr 0,09 Prozent. Es steht eine Ausgangsleistung von ziemlich exakt 40 Watt zur Verfügung, die Verzerrungen steigen erst kurz vor der Aussteuerungsgrenze nennenswert. Das Gerät verbraucht im Leerlauf rund 121 Watt Strom.
Mitspieler Plattenspieler:
- Thales Elegance / Simplicity II
Tonabhehmer:
Phonovorstufe:
Lautsprecher:
Gegenspieler Endverstärker:
Gespieltes - The Smashing Pumpkins: Adore
- Rickie Lee Jones: It’s like this
- Wishbone Ash: Argus (45rpm)
- King Buffalo: Regenerator