Der Forever Model One ist erst der zweite VPI-Plattenspieler, den ich überprüfen darf. Dieses Mal aber ist es kein Einstiegsmodell sondern gewissermaßen das Kerngerät der Amerikaner schlechthin. Die Frage ist, ob ihr modernisierter Klassiker noch zeitgemäß ist?
Plattenspieler VPI Forever Model One
Es gibt grob drei Prinzipien, wie man den Teller eines Plattenspielers auf die richtige Drehzahl bringen kann: Reibrad, Direktantrieb und Riemen. VPI nutzt sie im Prinzip alle. Besonders deutlich wird das in ihrer Avenger-Serie, wo das Basismodell mit Riemenantrieb arbeitet, als Upgrade aber eine externe Reibradoption mit dem Avenger Rim-Drive anbietet. Die restlichen Modelle bis hin zum Titan Direct (sic!) sind dann direkt angetrieben. Aber das Gros aller VPI-Plattenspieler, und das sind nicht wenige, arbeitet nach wie vor mit Riemenantrieb und teilweise auch mit Subchassis.
Prinzipielles
Das Prinzip Riemenantrieb mit Subchassis wurde nach allem, was wir wissen, 1961 vom Acoustic Research Chef Edgar Villchur mit dem AR-XA erfunden. Es ist ungeheuer populär geworden, weil es einfach, effektiv und grundsätzlich günstig herzustellen und zu beherrschen ist. Ein schwerer Teller sitzt auf einem Subchassis und wird von einem Riemen per Wechselstrommotor angetrieben – genau wie hier. VPI hatte den Urahn unseres Plattenspielers, den berühmten HW-19, von 1989 bis 1999 produziert und sich dann sukzessive von Subchassis- Spielern abgewendet. Ich mag es nicht verhehlen: ich kann Schwabbler wie den Linn LP-12 nicht ausstehen. Dieses Gezapple, nachdem man eine Platte aufgelegt hat. Schrecklich. Doch die gute Nachricht ist: der VPI ist keiner. Und das liegt in der Aufhängung seines Subchassis, das nicht in Federn schwingt sondern auf Elastomeren sitzt, synthetischen Gummielementen also. Sie können sich unter Druck verformen, finden aber schnell wieder in ihre Urform zurück und sind deutlich haltbarer als Naturkautschuk. Das ist ein Hauptunterschied zum ehemaligen HW-19, dessen Subchassis noch mit Federn arbeitete und aus Stahl war. Wie üblich sitzen Tellerlager, Teller sowie das Armbrett samt Tonarm auf dem Subchassis.
Basis
Das eigentliche Chassis, sprich der Rahmen, besteht tatsächlich aus schwarz durchgefärbter, amerikanischer Eiche. Weitere Echthölzer könnten in Zukunft auch angeboten werden. Die Top-Platte und das Subchassis sind aus einem Stück Aluminium, das Subchassis ist zur Resonanzkontrolle auf der Unterseite mit einem Polymer beschichtet. Wobei – das ist ja kein banales Alu, das ist Flugzeugaluminium und da schauen wir mal genauer hin, denn es gibt nämlich nicht das eine „Flugzeugaluminium“. Es sind Aluminiumlegierungen, die für unterschiedliche Bereiche im Flugzeugbau besonders geeignet oder spezifiziert sind – daher der Begriff „Flugzeugaluminium“. Für den VPI wird eine Legierung mit der Bezeichnung 6061 verwendet, die sich durch eine besonders hohe Festigkeit und Korrossionsbeständigkeit auszeichnet. Harry Weisfeld meinte im Stereophile- Interview dazu: “Das 6061 lässt sich super bearbeiten, ist ziemlich steif und man kann es auch wunderbar einfärben.“ Das kann man doch prima gebrauchen.
Der Rest
Der flache zehn Zoll (255mm effektive Länge) Forever Tonarm ist aus, Tata 6061er Flugzeugaluminium.
Also mal ehrlich: einen klassischeren Plattenspieler kann kaum ein Konkurrent anbieten. So macht man das Für die mit dem extrem schlechten Kurzzeitgedächtnis: das ist leicht, steif und lässt sich bestens bearbeiten. Es gibt gute Gründe, warum man einen Tonarm quadratischem Querschnitt baut, der entscheidende ist: in runden bilden sich Resonanzen, denen man begegnen muss. Aber natürlich haben auch quadratische Tonarme ihre Herausforderungen, einer ist VPI durch die verrundeten Kanten begegnet. In einer Gummitülle werden Nordost Valhalla Käbelchen von den Anschlusspins bis zu den Terminals geführt: das kann man auf jeden Fall so machen. Der Arm ist kardanisch mit Edelstahlkugeln in zwei Ebenen nach ABEC5 Spezifikation gelagert. Die Aluheadshell ist dezent angeschraubt und kann so für eine potentielle Azimuthkorrektur verdreht werden. Das Antiskating erfolgt ganz klassisch über Faden- und Ausleger. Der etwa 9kg schwere Aluteller ist unten mit einem HDF- „Doughnut“ wie VPI das nennt, gedämpft und an der Außenseite gerillt. Durch einen Rundriemen wird er angetrieben. Der wird von Hand um ein Delrinpulley gelegt, je nachdem welche Geschwindigkeit, 33 oder 45 U/min gespielt werden soll. Die Abdeckung des Pulleys ist sicherlich typisch für klassische VPI-Dreher. Aber man muss sie bei jedem Tempowechsel abschrauben und besonders hübsch ist sie offen gestanden auch nicht. Aber je länger ich hinschaue mag ich sie als Schrulligkeit und quasi historischen Verweise dann doch. Ein echter Kritikpunkt ist aber die Aufhängung, beziehungsweise die Montage des Motors, der deutliche Vibrationen auf seine Montageplatte überträgt. Das geht besser, wir konnten die Sache mit Tape vorübergehend beruhigen.
Praxis Anders als bei den recht rustikalen Einsteigermodellen macht es grundsätzlich Freude, mit dem Model One zu arbeiten. Er ist gut verarbeitetet und strahlt eine unaufgeregte Ruhe aus. Nicht umsonst gibt VPI 10 Jahre Garantie. Man kann den Forever One mit einigen Upgrades noch weiter aufwerten. Da wäre zum einen der Außenring für den Plattenteller. Theoretisch sicher nachvollziehbar, um verzogene Platten wieder möglichst plan zu drücken. Praktisch gesehen aber immer mit der Gefahr behaftet, in einem Moment der Unachtsamkeit seinen Tonabnehmer zu schrotten. Außerdem lässt sich der VPI Fatboy Tonarm montieren, was sicher spannend ist. Und es gibt das sogenannte Analog Drive System (ADS), eine externe Motorsteuerung für die ich auf jeden Fall plädieren würde. Zukünftige Aufrüstungsoptionen sind unter dem Programmpunkt „Modular Two“ zusammengefasst und noch nicht genau definiert. So viel: es soll zwei neue Tonarme und alternative Antriebsmöglichkeiten geben. Wie schon erwähnt, ist der Forever Model One alles bloß kein Schwabbler, und somit sehr angenehm in der Bedienung, sein Subchassis lässt sich bequem von oben einstellen. Der Forever- Tonarm mit seinen Radiallagern fühlt sich stabil und leichtgängig an. Zusammen mit unserem
Skyanalog G-1 MKII Tonabnehmer ist das eine ziemlich perfekte Kombination. Der mittelschwere Arm und das nicht ganz so hart aufgehängte MC verstehen sich so, als wären sie zusammen gedacht worden, und so spielen sie auch. Es gibt zwar auch VPI-Tonabnehmer, die u.a. in Zusammenarbeit mit Audio Technica und Miyajima entstanden sind, aber die hatten wir nicht zur Verfügung.
Die ersten Töne……sind für mich die wichtigsten. Mit den Montgomery Brothers entstand sofort ein absolut souveräner, entspannter Groove. Butterzart flockten die unvergleichlichen Gitarrentöne Wes Montgomerys aus den Lautsprechern und als der Rest der Band einsetzte wurde sofort klar: der VPI spielt einfach richtig. Von Steely Dans Gaucho kann ich Babylon Sisters immer wieder hören, und wenn es so wie hier klingt, macht es mich glücklich: weiträumig, gut durchgezeichnet und fluffig. Besonders hat mich Claudio Abbados Einspielung der Vier Jahreszeiten mit Gidon Kremer und dem London Symphony Orchestra begeistert. Hier muss ein Plattenspieler einfach alles auffahren was geht: Feingefühl, Dynamik, Klangfarben. Und hat der VPI das? Schalten Sie auch kommende Woche wieder ein, wenn … nein, natürlich hat er es und was ich besonders mag – er liefert alle Informationen mit der nötigen Ruhe, Gelassenheit und der korrekten Rhythmik ab. Ich habe die gesamte Platte gehört und bin grinsend noch eine Weile sitzen geblieben. Hab ich das dem VPI zugetraut? Nicht wirklich, wenn ich ehrlich bin. Freut es mich, dass er so abliefert? Darauf könnt ihr wetten.
Mitspieler Tonarm
Tonabnehmer
Vollverstärker
- Exposure 5510 (mit MC-Phonoboard)
Lautsprecher
Gegenspieler Plattenspieler
- Transrotor Massimo Nero mit Studio 12 und Figaro
Gespieltes The Montgomery Brothers: Groove Yard