In einer immer absurderen Höher-Schneller-Weiter-Schleife, in der schon lange bekannt ist, dass es so eben nicht weitergeht, kommt aus Japan ein Gerät zu uns, dass uns innehalten lässt.
Vollverstärker Soulnote A-0 ver.2
Der klassische Soulnote-Look, wie wir ihn kennen. Der Kopfhörereingang rechts funktioniert übrigens auch sehr gutHideki Kato, seines Zeichens Großmeister der Firma Soulnote, ist natürlich nicht der Erfinder von Kleinleistungsverstärkern mit Transistoren. Der Mann hat auch dicke Endstufen mit hoher Leistung wie die M-3X im Programm. Aber mir scheint doch, er hätte eine besondere, Beziehung gerade zu diesem Verstärker und ich kann sie gut verstehen. Wovon sprechen wir? Von einem auch als Vorstufe nutzbaren Vollverstärker mit 2x10 Watt an 8 Ohm Leistung, die er nur an wirkungsfreundlichen Lautsprechern wirklich ausspielen kann, dann aber famos. Von einem Nischenprodukt allemal, da beißt die Maus keinen Faden ab. Von einem Nischenprodukt, das aber, wenn es ideal gepaart wird, eine außerordentliche Faszination und klangliche Größe an den Tag legt, die seiner kleinen Leistung spottet. In meiner audiophilen Vergangenheit sind mir gerade einmal zwei Transistorverstärker mit ähnlich geringer Leistung begegnet. Beide – kann es denn Zufall sein – aus der Feder des legendären Jean Hiraga, seines Zeichens Franko-Japaner. Das eine war die Le Monstre, eine Transistorendstufe mit gerade einmal 8 Watt Ausgangsleistung und monströser Siebung – daher wohl ihr Name. Und die L´Audiophile Nemesis Monos. Die Nemesis ist die griechische Rachegöttin; vielleicht meinte Hiraga die Rache der Transistoren? Jedenfalls sind das Monos mit Ausgangsübertragern und ebenfalls um die 8 Watt Ausgangsleistung. Mit diesem Hintergrundwissen freute ich mich damals und freue ich mich heute über dieses Angebot: 10 Transistorwatt auf Klang und nicht auf Leistung optimiert. So kann man es wohl sagen.
Eigener Wille
Wieso macht man so etwas? Kato hatte mit dem SA-710 schon einmal so ein Gerät im Programm, allerdings mit einem ganz anderen Gehäusedesign. Geht es Kato um das von Nelson Pass berühmt gemachte erste Watt (First Watt)? Nicht wirklich, denn anders als der hat er für Class-A nicht viel übrig. Dazu sagte er mir:“Es handelt sich um Class A/B, liegt aber näher an Class B. Der Grund dafür ist die Klangqualität. Für mich klingt weniger Überschneidung besser. Das widerspricht der gängigen Meinung, und mein Grund dafür ist das thermische Rauschen. Da das Netzteil immer mit voller Leistung läuft, sehe ich darin gewisse Nachteile. Kato setzt auf kurze Wege: Eingangswahl, Lautstärkeregelung und danach direkt ab zur Endstufe. Wie immer ist die Schaltung voll diskret ohne Gegenkopplung aufgebaut. Dieser Korrekturmechanismus, der salopp gesagt erfunden wurde, um auf einfache Weise Schwankungen in der Schaltung und bei der Bauteilequalität auszugleichen, hat durchaus klangliche Nachteile. Ohne ihn spielen Geräte oft lockerer, natürlicher, impulstreuer. Aber es kann auch die Kontrolle fehlen. Wie immer gibt es keine einfachen Antworten, es kommt darauf an, wie das Gerät ausgeführt ist.
Preamp mit Gain
Ich habe Kato gefragt, ob man sagen könne, dass dieser Verstärker eine Vorstufe mit Leistung sei. Er bejahte das und präzisierte seine Antwort: “Man könnte sagen, es ist ein Vorverstärker, der genügend Leistung hat, um damit Lautsprecher anzutreiben.“ Welche das sind, sehen wir noch. Warum er das so tut, sagt er mir ebenfalls: “Ich setze auf eine Single-Push-Pull-Konfiguration. Anstatt die Leistung halbherzig zu steigern, habe ich der Qualität oberste Priorität eingeräumt. Bei einer Parallelkonfiguration neigt der Klang dazu, an Klarheit zu verlieren.“ Es handelt sich außerdem um eine vierfache Darlington-Schaltung. Dabei wird ein ideal auf einen Endtransistor abgestimmter Steuertransistor auf kürzestem Wege mit diesem verschaltet – oft arbeiten beide auch im selben Gehäuse. Wir kennen das von Lavardin oder auch von Heed, und hier wie dort ist das klanglich alles andere als ein Nachteil. Diese spezielle Konfiguration hier fungiert als Puffer, damit Schwankungen des Lautsprechers die Verstärkerstufe nicht beeinflussen. Man kann sich denken, dass das bei Verstärkern ohne Gegenkopplung besonders wichtig ist. Zum Thema „Vorstufe mit Gain“ schrieb mir Kato noch:“Der Strom in der Treiberstufe (die Transistoren eine Stufe vor der Endstufe) ist weitaus entscheidender als der in der Endstufe (die Transistoren, die die Lautsprecher ansteuern). Aus diesem Grund verwenden wir in der Treiberstufe denselben Transistortyp wie in der Endstufe.“ Kato hat auch seine LED-Bias-Regelung gekippt. Er sagt dazu: “Der LEDBias hatte einen einzigartigen Charakter, aber das von den LEDs erzeugte Rauschen war ein Problem. Die neue Biasregelung besteht im Wesentlichen aus Hochfrequenztransistoren, die im Diodenmodus geschaltet sind. Diese Transistoren haben eine extrem niedrige Kollektor-Ausgangsimpedanz, um sicherzustellen, dass die Spannung speziell auch in den höheren Frequenzen stabil bleibt.“ Das ist ihm wichtig, weil er gesteigerten Wert auf eine perfekte Transientenwiedergabe legt.
Praktisches
Sehr sinnvoll sind die beiden frontseitig wählbaren Verstärkungseinstellungen. „Low“ vermindert die Verstärkung um 14 dB und ist sinnvoll, wenn der nachgeschaltete Verstärker oder Aktivlautsprecher einen besonders hohen Eingangspegel hat, ansonsten wählt man die normale Verstärkung. Ich habe anfangs im Vollverstärkermodus aus Versehen „Low“ gewählt und gedacht:“Ist schon echt schlapp.“ War natürlich Käse, ich habe dann schnell wieder auf Normal umgestellt, (dann leuchtet die Indikator-LED nicht mehr) und alles war gut. Auch an den Harbeth NLE-1 Aktivmonitoren blieb der Low-Modus aus. Zusätzlich kann man wählen, ob der Lautsprecherausgang an- oder abgeschaltet wird. Immer abgeschaltet sind sie im Kopfhörermodus, wie man das gewohnt ist und wie es auch sinnvoll ist. Und dann gibt es rückseitig noch einen weiteren Gainschalter, der an den Endstufen ansetzt. Beides aber nur im Pre-Out-Modus, sprich nicht, wenn der Soulnote als Vollverstärker arbeitet. Die hochverstärkende Version macht aber nur dann Sinn, wenn die nachfolgende Quelle oder der Aktivlautsprecher regelbar ist, sonst übersteuert die Geschichte im Handumdrehen. Die Pre-Out-Anschlüsse sind auch per XLR möglich, was wie immer Störeinflüsse minimiert.
Mechanisches
Soulnote ist für sein ganz spezielles Gehäusedesign bekannt. Die Urversion dieses Geräts, der SA-710, hatte das nicht, und im Vergleich zu den größeren Geräten ist die „Resonanzlösung“ hier vereinfacht. Kato sagt dazu: “Eine feste Befestigung verstärkt das Gefühl von Kraft. Wir treffen immer die besten Entscheidungen, während wir uns den Klang anhören. Hier gibt es eine Konstruktion ohne feststehende Abdeckung und der Grund dafür war, dass wir dem Gefühl von Frische Vorrang einräumen wollten.“ Was das genau bedeutet, will ich euch erklären:
Das sind die beiden (!) Schrauben mit ihren Abstandshaltern, die den Deckel auf Soulnote-Art „fixieren“. Alles klar?Der Deckel wird zwischen Laschen an der Vorderseite eingeschoben und dann auf der Rückseite oben mit zwei Schrauben nur leicht fixiert. Die Schrauben haben einen Abstandshalter aus Messing, der eine bestimmte „Freiheit“ definiert, sprich der Deckel klappert, wenn man so will, er bleibt beweglich. Wer das unvorbereitet erlebt, wundert sich. Wer es kennt, freut sich. Denn diese Maßnahme soll Resonanzen vermindern und eine positive Auswirkung speziell auf die räumliche Abbildung des Musikgeschehens haben, und das tut sie auch. Ich habe das untersucht, indem ich ein schweres Plattengewicht auf den Deckel gelegt habe, was direkt zu einer deutlich hörbaren Klangverschlechterung geführt hat: Es wurde unfreier, weniger locker und natürlich. Wie immer ruht der Soulnote auf drei Spikes, von denen der hintere mittig unter dem Netztrafo sitzt, um Vibrationen, die dieser produziert, aus dem Gesamtsystem ableiten zu können. Das ist so logisch und so sinnvoll, dass ich mich frage, warum das sonst so gut wie kein Hersteller macht. Der Untergrund macht auch einen Unterschied, damit dürft ihr spielen.
Praxis
Wer Hideki Kato einmal live erlebt hat, versteht auch seine Geräte. Er hört nicht auf, zu rücken und zu justieren, bis er mit dem Klang zufrieden ist. Im Brieden Hörraum wurden die Lautsprecher vielfach verschoben und dezent angepasst. Doch erst als er die Verbindung zwischen dem A-0 ver.2 und der neuen E0 Phonovorstufe auf XLR umgestellt hatte, war er so richtig zufrieden – und wir auch. Zu Hause habe ich dem A-0 ver.2 dann zwei Aufgaben zugewiesen: als Schaltzentrale für die Harbeth NLE-1 Aktivlautsprecher und als Vollverstärker für meine De Vore 0/Babys oder die Greenwall Ivy. Beide löste er sehr gut, aber überraschenderweise reichte seine Leistung an den eigentlich sehr gutmütigen De Vore nicht aus. Dafür spielte er an meinem Greenwall Hörnchen butterzart und betörend, da hilft also nur ausprobieren. An den Klang+Ton Nada Lautsprechern in Duisburg war das übrigens anders, die brauchen dann doch einige Watt und etwas mehr Kontrolle zusätzlich. Stimmt der Lautsprecher, ist der A-0 Ver.2 einer der besten Verstärker, die ich kenne, und zwar unabhängig von der Technologie. Aus dem Gedächtnis kann ich ihn nicht ernsthaft mit seinem Vorgänger vergleichen, aber vielleicht hat der sogar noch ein wenig weicher gespielt, aber das ist wie gesagt Spekulation.
Klang
Wenn ich jetzt sage, das ist der Kleinleistungsverstärker für Leute, die immer mal eine Röhre überprüfen wollten, sich aber nicht getraut haben – wie klingt das? Nun, am Ende des Tages klingt dieser Verstärker genrefrei, sprich nicht nach irgendeiner Technologie, sondern nur nach Musik. So zum Beispiel mit Al Jarreau, der auf seinem zweiten Album Glow seine Version von Elton Johns „Your Song“ aufgenommen hat. Das ist nicht nur eine der schönsten Balladen überhaupt, Jarreau liefert nach meinem Dafürhalten auch ihre endgültige Interpretation: Schönheit, Dynamik, Zartheit, Raffinesse, Humor, Tränen, dazu sechs Stimmoktaven und eine seelenvolle Interpretation, die selbst Donny Hathaway alle Ehre gemacht hätte. Der kleine Soulnote kann all diese Schönheit vermitteln, und mir kommt beim Hören ein Weinvergleich: er klingt wie ein fein ausgewogener Grauburgunder oder Welschriesling, nie wie ein schwerer Rotwein. Er verführt einen zum Hineinhören, drängt einem aber so gar nichts auf. Wenn die Lautsprecher stimmen – für Aktivlautsprecher gilt das sowieso – kann er aber auch dynamische Grenzen ausloten, die man ihm mit seiner Leistung nicht zutrauen würde – 4 Ohm Lautsprecher lasst ihr bitte weg. ScoMule ist dafür ein sehr gutes Beispiel. Die herrliche Zusammenarbeit von Gov´t Mule mit John Scofield zeigt zum Beispiel mit „Hottentot“ wo der Bluesrockhammer mit Funkgenen hängt. Fehlt da irgendetwas? Aber so gar nicht: das drückt, as rockt, das groovt – es ist eine Freude, und dabei zeigt der Soulnote quasi im Vorbeigehen noch die feinen Seiten dieser Aufnahme auf. Mit der nötigen Sorgfalt bei der Lautsprecherauswahl ist der kleine Soulnote ein ganz Großer.
Mitspieler
Plattenspieler:
- PTP Audio Solid 9 Speciaal Stadsho
Tonarm:
Tonabnehmer:
Lautsprecher:
- Harbeth NLE-1
- Greenwall Ivy
- De Vore Fidelity O/Baby
Gegenspieler
Vollverstärker:
- Lavardin ISx Reference 23
Gespieltes
- Al Jarreau: Glow
- Little Feat: Dixie Chicken
- Gov´t Mule featuring John Scofield: ScoMule
- The Alternate Blues: Clark Terry, Freddie Hubbard, Dizzy Gillespie plus Oscar Peterson
- Nils Landgren & Esbjörn Svensson: Swedish Folk Modern