Es ist mir vollkommen egal, ob ihr mich für irre haltet oder nicht. Ich kann nur garantieren, dass ich keine Substanzen zu mir nehme und kaum etwas trinke. Aber das Koetsu Onyx hat meine Wahrnehmung von Musikwiedergabe derart verschoben, dass ich mich erst wieder in der Realität zurechtfinden muss.
Eine andere Wirklichkeit
Seit ich über HiFi lese und nachdenke und das sind nun viele Jahrzehnte, taucht die japanische Tonabnehmerfirma Koetsu und speziell das Onyx in meinen Gedanken auf. Nachdem ein gewisser Koetsu-Mythos entschleiert wurde, hat sich für mich darin absolut nichts geändert. Mein Report in LP 7/25 erklärt das sehr gut. Kurz gefasst hat die Firma Koetsu in Form ihres Gründers Yoshiaki Sugano und seines hifidel nicht so talentierten Sohns Fumihiko den Mythos kreiert, dass die Suganos ihre Tonabnehmer selbst gebaut hätten. Das stimmt nicht, auch wenn Yoshiaki Sugano mit seinem Wissen als Schwertschmied vielleicht für das eine oder andere System selbst verantwortlich war. Fumihiko hingegen hat keine Koetsus gebaut, wie sich nach seinem Tod herausgestellt hat. Davon abgesehen ist das sowieso die Ausnahme, denn in den meisten Fällen arbeitet ein Designer wie Sugano mit einem oder mehreren Handwerkern zusammen, die die Systeme dann konkret herstellen. So war und so ist das auch bei Koetsu, ihre Fertigung liegt seit Jahrzehnten in den Händen von Ogurasan und seinem Sohn. Dadurch und dass der Sohn erst Mitte 40 ist, kann der Fortbestand der Marke als dauerhaft gesichert gelten.
Neustart mit bekannten Mitteln
So sah die Verpackung der Koetsus schon immer aus, mit dem Unterschied, dass heute der Firmenname auf dem Deckel in japanischen Schriftzeichen stehtNach Fumihikos Tod zeigte die Familie Sugano seltsamerweise keinerlei Interesse an der Fortführung der Firma und so übernahm Arturo Manzano, der die Systeme lange schon in Amerika und auch in Deutschland vertrieben hat, Koetsu selbst. Nach meiner Reportage über die Firma fragte er mich, ob ich Lust hätte, über das Onyx zu schreiben. Meine Antwort lautete: “Ich habe gehofft, dass du mich das nicht fragst.“ Warum habe ich das geschrieben? Wie erwähnt habe ich, seit ich das erste Mal ein Onyx gesehen hatte, seinen Anblick nicht mehr aus meinem System bekommen. Und dabei habe ich noch nie eines gehört! Aber so ist das manchmal und ich kann ebenso gut verstehen, wenn man ein geheimnisvoll grün schimmerndes Jade oder ein wunderschönes Coralstone noch faszinierender findet. Aber ich bin ein Onyx-Mann, und das bestätigte sich nach dem ersten Hören, wobei ich natürlich keinen Vergleichstest mit den anderen Steinvarianten machen konnte. Alle klingen logischerweise etwas unterschiedlich, wie mir ein Kenner der Systeme bestätigt hat. So soll ein Onyx etwas schlanker als ein Coralstone klingen, das wohl den Urushi-Systemen am ähnlichsten ist. Das liegt an der unterschiedlichen mineralischen Beschaffenheit und Dichte der Materialien, die auch für jeden einzelnen Korpus innerhalb der Typen noch leicht anders sind. Für mich ergab sich mit dem Onyx eine Verbindung wie bei Liebe auf den ersten Blick.
Was ist Onyx überhaupt?Onyx ist ein Naturstein, dem von Menschen, die den Charakter von Steinen analysieren, Stabilität, Stärke, emotionale Balance und Selbstbewusstsein zugesprochen wird. Das muss man nicht glauben und kann sich sein eigenes Bild machen. Der an Naturkunde interessierte Literat und Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729– 1781) schrieb zum Onyx: “Die weiße Schicht des Onyx ist jederzeit Chalcedon; nämlich was wir jetzt Chalcedon nennen, ist ein milchfarbener Achat. Wenn eine dunklere Schicht dazu kommt, so heißt der Stein Onyx.“ So zeigen die meisten Abbildungen tatsächlich schwarze Onyxe. Die Onyxsteine, die Koetsu verwendet, werden auch Onyxmarmor genannt. Diese Variante ist also eher untypisch, gehört anscheinend zu den seltensten Natursteinen überhaupt und ist entsprechend teurer. Die Bearbeitung obliegt Fachleuten; Bruch und damit Ausschuss ist an der Tagesordnung. So kann man die Preisfindung vielleicht ein wenig besser einordnen. Das Onyx war übrigens das erste Stein-Koetsu überhaupt und wird seit etwa 50 Jahren gebaut. In diesem Zeitraum hat es kleine Evolutionen erfahren, die nicht bekannt sind. Vom Prinzip her ist es aber noch immer das Design von Sugano Senior.
Der Prozess
Ogura-san hat bestätigt, dass der Herstellungsprozess der Steinsysteme eine besonders hohe Sorgfalt und Präzision erfordert, weil nicht zuletzt auch die Onyx-Steine sehr delikat sind und beim Fräsen leicht brechen können. Deshalb gibt es eben nur wenige dafür qualifizierte Feinmechaniker, die sich an diese Arbeit trauen. Wie seit Jahrzehnten werden Nadel- und Nadelträger, die speziell geklemmt und geklebt sind, von Ogura Jewel Precision geliefert, mit denen „unser“ Ogura-san aber nicht verwandt ist. Die winzigen Spulen wickelt er selbst. Ab dem Rosewood Signature Platinum setzt er den proprietären „silver cladding“-Prozess für den Spulendraht ein. Dabei wird um einen reinen Kupferdraht eine Art Silbermantel gezogen, ein enormer Aufwand, der sich deutlich von der reinen Versilberung unterscheidet. Es ist deshalb auch kein „Hybridkabel“, wie der Begriff „cladding“ verdeutlicht, denn das bedeutet „verkleidet“. Das führt auch zu anderen physikalischen und elektrischen Eigenschaften, als wenn man Kupfer „einfach“ versilbert.
Die Essentials
Die wichtigste Unterstützung beim Neustart von Koetsu bekam Arturo Manzano von seinem Freund Kensuke Ushijima, der selbst in der japanischen Tonabnehmerindustrie tätig ist. Er half ihm bis zum Jahresende 2023 alle alten Zulieferer ins Boot zu holen inclusive, und darum geht es mir jetzt, den Hersteller der Platinmagnete. Koetsu ist inzwischen der einzige Hersteller, der diese Magnete einsetzen kann, normalerweise hält das Militär die Hand darauf. Lyra bekam früher für ihr Parnassus und das Olympos auch welche, doch diese Zeiten sind vorüber. Pures Platin ist nicht leitfähig, es braucht eine bestimmte Legierung mit Eisen und / oder Nickel. Ihr könnt euch denken, dass der Mix proprietär ist. Bekannt ist immerhin, dass der Platinanteil der Koetsu-Magneten mehr als 50% beträgt und damit besonders hoch ist. Platinmagnete sollen ein besonders homogenes Magnetfeld erzeugen und einen Klang voller Zartheit, Farbenpracht und Vollmundigkeit ermöglichen – es ist sozusagen die Vollendung des Koetsu-Klangs und das kann ich absolut bestätigen. Zum Schluss habe ich von Ogura-san noch erfahren, dass die Gesamtdauer, um so einen Tonabnehmer zusammenzubauen und fein zu justieren, sich auf etwa einen Monat beläuft. In diesem Zeitraum werden parallel natürlich auch andere Koetsus fertig, sonst gäbe es ja nur ein Dutzend pro Jahr. Während des Montage- und Feintuningprozesses hört sich Ogura jedes System mehrfach an und erst wenn er mit Frequenzgang, Abtastfähigkeit und dem Klang zufrieden ist, wird es verpackt.
Es lebtBei der Betrachtung von Koetsu-Tonabnehmern und speziell denen mit Urushi- und Steingehäusen gibt es einen weiteren Faktor, der in unseren Breitengraden keine solche Rolle spielt, sieht man einmal von HiFi, Autos usw. ab. Ich meine den Kult um unbelebte Dinge, der in Japan eine viel breitere und größere Bedeutung hat. Man spricht dort Dingen, also vielleicht Teeschalen oder eben Steinen, eine Seele zu und hat unzählige Geschichten darum erfunden. Dadurch lässt sich vielleicht besser verstehen, dass die Verwendung dieser Steine keinem Marketinggag entspricht, sondern einer tiefen Verbindung mit der Materie. Und noch etwas will ich unbedingt erwähnen: die ungeheure Stille in der Rille, die jedes Koetsu hat, das ich hören durfte oder besitze. Das liegt vor allem am sogenannten Sugano-Schliff, der von Ogura exklusiv für Koetsu gefertigt wird. Das bedeutet aber auch, dass nur Koetsu selbst ein Koetsu korrekt wieder aufbauen kann. Andere können es auch sehr gut tun, aber eben niemals so, wie es gedacht ist, da sie diese Nadel und den dazu gehörigen Nadelträger einfach nicht kaufen können. Inzwischen gibt es Gewindebohrungen für alle Modelle, stabilere Holzboxen mit den japanischen Zeichen für Koetsu und dem Zusatz „Made in Japan“ sowie Inbusschlüssel und Schrauben, wie das jeder andere Hersteller auch macht.
Das Erlebnis
Pure Eleganz sowohl im Design als auch bei der Abtastung. Für mich ist das der Gipfel edelster MusikwiedergabeUnd was ist nun das klanglich Besondere an so einem Onyx oder ist das auch wieder ein Mythos? Oh nein. Das Onyx ist ja nicht mein erstes Koetsu, bei mir drehen ein Black und ein Urushi Black regelmäßig ihre Runden, früher hatte ich ein Rosewood Standard. Wo das Black einfach ein wunderbarer Allrounder ist, mit dem ich besonders gerne Jazz höre, ist das Urushi Black etwas ganz Besonderes: Gina Lollobrigida im Sommerkleid mit einer kleinen Schweißperle auf der Oberlippe, so wirkt es auf mich. Das geht wie auch das Onyx deutlich über schnödes HiFi hinaus. Mit dem Onyx Musik zu erleben, ist schließlich ein ganzheitliches, ein immersives Erlebnis, das alle Sinne anspricht. Genau wie bei einem ganz besonderen Konzerterlebnis. Will es irgendetwas zeigen oder beweisen? Will es mich anregen? Will es mich berühren? Es will gar nichts. Es gibt einem nicht den Extrakick, den manche Hörer brauchen, stattdessen scheint es eine Tür zu öffnen, und wer offen ist, geht einfach hindurch. Wobei er eigentlich durch das Hörerlebnis schon auf der anderen Seite ist, ohne etwas tun zu müssen. Ihr versteht das alles nicht? Denkt, ich schwafle herum? Dann würde ich empfehlen, die Marshall Boom-Box anzuschalten und hier nicht weiter zu lesen. Denn mir ist es ernst, es geht mir um die Essenz dessen, was Musikwiedergabe als direkteste Kunstform zu leisten in der Lage ist. Und ja, das können sich nicht viele leisten. Aber träumen wird doch wohl erlaubt sein.
Die Musik
Wenige Platten kenne ich so gut wie Tom Pettys Wildflowers. Neben der wunderbar dreidimensionalen Bassdrum ist der Grad an Finesse und Zartheit, mit der die Musik ausgeformt und jedes Details aufs Eleganteste und Unaufdringlichste in den Raum gestellt wird, für mich unerhört. Das erinnert mich an große Horninstallationen mit fünf 38er-Bässen pro Seite. Die spielen keineswegs fetter, sie spielen agiler, feiner. Wie dann auf „You wreck me Baby“ Mike Campbells Gitarre aus dem absoluten Nichts ertönt und in das Stück gewissermaßen hinein gleitet, kannte ich so nicht. Seine Gitarrentöne strahlen, dass es eine Wonne ist, nichts ist komprimiert, alles schwingt ein und aus und glänzt wie poliertes Silber: Madonna, das darf doch nicht wahr sein. Aus schlechten Aufnahmen kann auch ein Onyx keine audiophilen Leckerbissen machen. Da mag es Tonabnehmer geben, die verzeihender sind, das Onyx wirkt fast ein wenig beleidigt, wenn ich es mit einer schlecht aufgenommenen 80er-Jahre-Scheibe konfrontiere. Doch das gilt wirklich nur für übel komprimierte Mixes. Ich liebe ungewöhnliche Besetzungen, so wie auf Curtis Fuller And Hampton Hawes With French Horns. Posaune mit zwei Waldhörnern kombiniert ergibt eine ungeheuer reiche Farbpalette. Ohne zu verfärben, wird diese Palette mit dem Onyx so sehr erweitert und in ihren Nuancen verfeinert, dass ich davon gar nicht genug bekommen kann. Oder nehmen wir Billy Cobhams Debütalbum Spectrum. Es wirkt auf mich, als ob Cobhams legendäre Läufe über alle Trommeln in Echtzeit über mich hereinbrechen. Eigentlich nervt mich diese Musik fast schon, denn dieser Hochgeschwindigkeits-Jazzrock neigt dazu, sich nur um sich selbst zu drehen. Mit dem Onyx fasziniert mich die Platte erstmals so richtig und ich entdecke die Musikalität hinter der Geschwindigkeit. Und ja, ich habe das alles auch mit sehr guten anderen Tonabnehmern aus meinem Fundus verglichen, wodurch sich meine Einschätzung aber nur noch verdichtete. So wirkt es, als würde aus Boz Scaggs Mund auf seinem grandiosen Alterswerk Detour beim Singen ein Faden aus seidenen Tönen gesponnen. Ernsthaft, so habe ich noch nie Musik gehört. Ich habe alle Hebel in Bewegung gesetzt, um so ein Onyx zu bekommen, ihr werdet erfahren, ob es geklappt hat. Auch das Onyx wird nicht jeden Hörer ansprechen, denn obwohl es alles kann, verzichtet es auf jede Vordergründigkeit. Hörer, die mehr unmittelbare Stimulanz benötigen, wird es vielleicht zu fein, zu edel vorkommen. Ihnen entgeht etwas, aber das ist dann nicht mehr meine Angelegenheit.
Mitspieler
Plattenspieler:
- PTP Audio Solid 9 Speciaal Stadshout mit Schröder Nr. 2 SQ
Vorverstärker:
Phonovorverstärker:
Übertrager:
- Consolidated Audio 1:20 Nano AG
Endverstärker:
Lautsprecher:
Gegenspieler
Tonabnehmer:
- Koetsu Urushi Black
- Lyra Argo i
Gespieltes
- Boz Scaggs: Detour
- Billy Cobham: Spektrum
- Curtis Fuller And Hampton Hawes: With French Horns
- Tom Petty: Wildflowers
- Nils Landgren / Esbjörn Svensson: Swedish Modern