Jawohl, wieder einmal ein neuer Tonabnehmeranbieter aus Japan. Wie üblich handelt es sich um eine Manufaktur mit entsprechend geringen Stückzahlen und gesalzenen Preisen. Aber: Unser heutiger Proband bietet nennenswerten klanglichen Gegenwert.
Wellness auf die analoge Art
Grundsätzliches
Der Verpackungsaufwand beim EX500 ist nicht ausufernd, und das ist auch gut soGanz außen: edler schwarzer Karton mit minimalistischem, teurem Druck. Und einem Aufkleber, der die Typenbezeichnung verrät. Darin: Ein in Kunstleder gewandetes Schmuckkästchen, in dem der Abtaster residiert. Keine dieser superaufwändigen Protz-Verpackungen, die man bei Tonabnehmern der luxuriösen Art ja immer wieder sieht. Das ist eine Verpackung – nach Montage des Abtasters wandert sie ins Regal und fristet dort ihr Dasein ohne jegliche Aufmerksamkeit – deshalb finde ich’s gut, wenn sich der Aufwand für sowas in Grenzen hält. Das Analog Relax EX500 ist ein MC-Tonabnehmer zum Preis von 5800 Euro. Es handelt sich um das zweitkleinste Modell im fünf Modelle umfassenden Lineup, und ihr wollt gar nicht wirklich wissen, was die großen Modelle kosten.
Systemkörper
Ein gemeinsames Merkmal aller Analog Relax-Abtaster ist der aus Holz gefertigte Systemkörper. Die Formgebung ist recht komplex, die zahlreichen nicht parallelen Flächen erinnern ein bisschen an Radarreflexionen vermeidendes „Stealth“-Design. Die Holzarten sind bei jedem Abtaster andere.
Der Systemkörper besteht aus besonders dichtem rumänischen AhornIm Falle des EX500 kommt ein extrem dichter Ahorn zum Einsatz, der über viele Jahre in dunklen transsylvanischen Tälern gewachsen ist. Dass ein japanischer Hersteller auf europäische Hölzer setzt, finde ich übrigens ziemlich bemerkenswert. Interessant ist auch die Argumentation des Herstellers für das Material: Beim Austrocknen entstehen winzige, verschieden große Hohlräume im Material. Die Luft vibriert dem Vernehmen nach in diesen Kammern, was für einen unverwechselbaren Sound sorgen soll. Hier wird das gerne strapazierte „Instrumenten“-Argument ins Feld geführt, deren Sound ja durch ähnliche Mechanismen entstehen soll. Da kann man trefflich drüber streiten – muss man aber nicht.
Personelles
Der Kopf hinter Analog Relax ist übrigens ein für die Branche untypisch junger Japaner namens Yasushi Yurugi, studierter Künstler und Designer, und eine ganze Zeit lang mit digitalen Geschäftsmodellen und Technologien beschäftigt. Eine lebenslange Leidenschaft für Jazz (was sonst) hat ihn ins analoge Metier zurückgeholt und bewogen, eine Manufaktur für feine analoge Preziosen ins Leben zu rufen, die von handverlesenen japanischen Handwerkern gebaut werden – da schließt sich dann der Kreis zu den alten Männern mit ewig langer Erfahrung.
Technik
Rein äußerlich ist dem EX500 die handwerkliche Qualität auf alle Fälle anzusehen. Das Finish ist perfekt, der Abtaster ist extrem gerade montiert und weit entfernt von diskutablen Kuntwerken, die einem schon mal ins Haus flattern. Untypisch für einen japanischen Abtaster ist der Umstand, dass er über eingelassene Gewinde im Halbzoll-Abstand verfügt; Japaner sind ja in ganz vielen Fällen nach wie vor Fans der fummeligen Montage mit Schrauben und Muttern. Ich ganz eindeutig nicht, um das mal klarzustellen. Abgetastet wird mit Hilfe eines klassischen Aluminium-Nadelträgers. An seinem Ende sitzt ein hyperelliptisch geschliffener Diamant, der sowohl durchgesteckt als auch verklebt ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang: Der Hersteller rät ausdrücklich vom Einsatz flüssiger Nadelreiniger ab, um jene Verklebung keinesfalls zu gefährden. Erfreut nehmen wir zur Kenntnis, dass sich hier mal jemand die Angabe einer Nadelnachgiebigkeit traut: Mit 6 μm/mN liegt das EX500 ganz eindeutig auf der harten Seite, was man heutzutage ja nur noch recht selten sieht. Dafür sind die restlichen Anschlussparameter vollkommen unkritisch: 21 Millinewton Nennauflagekraft und ein mit vier Ohm schön niedriger Wicklungswiderstand. Trotzdem liefert das EX500 erfreuliche 0,55 Millivolt Ausgangsspannung, womit jede Phonovorstufe, die vielleicht 60 Dezibel Verstärkung liefert, wunschlos glücklich sein dürfte. Zum Aufbau des Generators selbst gibt’s wenig Informationen: Die Spulen sind aus reinem Silberdraht gewickelt – prima. Mehr weiß ich leider nicht. Der Abtaster wiegt zehn Gramm, was sich an nahezu jedem Tonarm problemlos ausbalancieren lassen sollte.
Klang
Das Analog Relax verbrachte seine ersten Stunden unter dem Headshell des Bergmann Odin Signature und ich musste mich echt zusammenreißen, um es dort wieder auszubauen. Weil: Eigentlich war das bereits die Traumkombi, in der die japanische Preziose glänzen konnte. Meine Vermutung, dass das genau das richtige Setup für Rabih Abou-Khalis staubigen Wüsten-Jazz sein könnte, erwies sich als goldrichtig. Das EX500 erwies sich als ungemein sanfter, aber penibler Detailarbeiter mit einem ganz feinen Händchen für Details und Stimmungen. Bei den rhythmisch komplexen Figuren des Ägypters und seiner Mannschaft war das das System zu Hundert Prozent zuhause und glänzte mit Auflösung, Timing und ganz viel Rauminformation. Große Klasse. Die grobe Kelle ist sein Ding erst einmal nicht so, aber die kann man im Zweifelsfalle andernorts auch viel günstiger haben. Die luftige Disziplin des EX500 hingegen lässt sich nicht so einfach reproduzieren und weist den Abtaster als echten Spitzenkönner aus. Natürlich kann man mit dem EX500 auch ganz ungenierten Spaß haben, was bei mir in einer ziemlich ungebremsten Kyuss-Orgie mit ungesunden Pegeln mündete. Das EX500 quittierte das Experiment mit einem erstaunlichen Maß an Übersicht und Transparenz. So staunte ich zum Beispiel nicht schlecht, als beim „Thong Song“ aus dem rechten Lautsprecher eine überaus überzeugend sandpapierartige Version von John Garicias unverwechselbarem Organ kam, schön weiträumig mit einem von Josh Hommes Riffs für die Geschichtsbücher hinterlegt. Auch der Klassiker „Green Machine“ (ja, ich hab‘ mal ein Klang+Ton-Lautsprecherprojekt nach dem Song benannt) räumt im Hörraum überaus überzeugend auf. Das geht allerdings noch etwas besser, wenn man dem Abtaster eine etwas andere Arbeitsumgebung verpasst: Ein etwas schwererer Zwölfzöller in Gestalt des Schick-Arms auf dem Sperling L5 (von dem wird künftig noch zu reden sein) verleiht der Sache dann noch etwas mehr Schub und Nachdruck. Nicht unbedingt „richtiger“, aber zweifellos gut fürs dicke Grinsen im Gesicht. Abschließend noch eine kurze Verbeugung vor dem kürzlich von uns gegangenen Sonny Rollins: Auf „Saxophone Colossus ist das Analog Relax voll in seinem Element. Das Saxophon hat genau die richtige Menge von Energie, nervt nicht, ist aber perfekt durchhörbar. Alles wirkt stramm, diszipliniert und im besten Sinne „japanisch“. Toller Tonabnehmer!
Mitspieler
Plattenspieler:
- Bergmann Galder / Odin Signature
- Sperling L5 / Schick 12“
Phonovorstufen:
- Alders & Lange Vinyl Engine VE-100 F
Vollverstärker:
Lautsprecher:
Gegenspieler- Rabih Abou-Khalil: Blue Camel
- Kyuss: Blues For The Red Sun
- Sonny Rollins: Saxophone Colossus
- Long Distance Calling: The Phantom Void